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Interview: Kevin Langeree

WAS SAGT KEVIN LANGEREE?

Der fliegende Holländer  ist ein abgenutztes Klischee. Einen Mann wie Kevin Langeree kann man aber nicht besser beschreiben. Der Profi liebt nichts mehr als unendlich hohe, weite Flüge. Das hat ihm schon mal königliche Ehren eingebracht: Er war King of the Air in Kapstadt. Wir haben uns mit ihm in Südafrika fürs Interview verabredet – und einen sensiblen Sportler getroffen, der nicht mit der branchenüblichen Coolness-Atittüde antwortet. 

KITE: Das Glück eines Profikiters hängt immer an einem dünnen Faden. 2010 hatte Dich dieses Glück verlassen…

KEVIN: Ja, ich hatte damals die Worldtour angeführt. Im Contest auf Fuerte bin ich auf einer Welle gelandet, und auf einmal war alles vorbei: Knie kaputt! Das war heftig, du führst die Tour und bist ganz oben und kämpfst um deinen zweiten Titel, und von einem Moment zum nächsten fällst du von ganz oben ganz tief und kannst dir auf einmal nicht mal mehr ein Glas Wasser aus der Küche holen. Da hat mich meine Mum wieder total aufgebaut. Damals wusste ich schon länger von der schlimmen Diagnose, die sie bekommen hatte. Ich hatte mir gesagt: Scheiße, was ist deine Knieverletzung im Vergleich zu dem, womit deine Mum gerade kämpfen muss. Deshalb hab ich mich auch niemals beklagt.

KITE: Du hattest um Deinen Titel gekämpft, und Deine Mutter begann gerade, um ihr Leben zu kämpfen nach der Entdeckung des Krebses. Wie bist Du damit umgegangen? 

KEVIN: Mir hat diese schlimme Nachricht erst mal gezeigt, dass nicht immer alles wie geplant verläuft im Leben. Es ist nicht selbstverständlich, jeden Morgen gesund aufzuwachen und einfach loszulaufen und das zu machen, was man möchte. Plötzlich kommt etwas, was dich einfach umhaut.

Das hat mir die Augen geöffnet. Es war schon hart. Du bist gerade dabei, deinen ersten WM-Titel zu holen, und im gleichen Moment erfährst du, dass deine Mum Krebs hat. Dann funktionierst du einfach nur noch automatisch, weil du in diesem Rad so drin bist und sich alles immer weiter dreht. So richtig habe ich alles erst ein paar Jahre später realisiert, was da eigentlich passiert ist in dieser Zeit. Wir haben beide gekämpft und uns gegenseitig motiviert. Für uns beide war es die größte Herausforderung, und wir haben beide gewonnen. Es war verrückt, einen Tag, nachdem wir meinen WM-Sieg gefeiert haben, ist meine Mum für ihre erste Chemo ins Krankenhaus gegangen. Damals hatte sie zu mir gesagt, dass ich noch einmal einen großen Titel für sie gewinnen soll. Deswegen war ich so super happy, dass ich vor ein paar Jahren den „King of the Air“ gewinnen konnte. Meine ganze Family war am Strand. Das hab ich echt für meine Mum gemacht. Verrückte Zeit, eine absolute Achterbahn für unsere Gefühle. Aber es hat uns als Familie super stark gemacht, wir sind noch enger zusammen gewachsen. So verrückt es klingt, aber wenn schlimme Dinge passieren, dann macht es dich noch stärker.

KITE : Deinen ersten Weltmeistertitel in der Königsdisziplin Freestyle hattest Du 2009 gewonnen und 2014 den King of the Air. Was motiviert Dich, immer noch hart zu trainieren und unglaubliche Risiken einzugehen? 

KEVIN: Ich will verschiedene Disziplinen zusammenbringen. Ich  liebe das Kiten in der Welle, Big Air, Freestyle und das Stand-up-Paddeln. Ich suche eine gute Balance zwischen diesen ganzen Sparten. Wettkämpfe in diesen Disziplinen pushen mich total. Nach all den Jahren, in denen ich nur Freestyle gefahren bin und manche Tricks gefühlt eine Million Mal hintereinander gemacht habe, um endlich den Titel zu holen, habe ich gemerkt, dass Freestyle nur ein ganz kleiner Teil des Kitens ist.

Du hast das Gefühl, dass du nur in einer kleinen Freestyle-Welt lebst. Aber es gibt noch so viel mehr. In anderen Disziplinen kannst du viel schneller wachsen. Beim Big Air zum Beispiel gibt es eine riesige Bandbreite an Tricks und immer noch neue Moves zu entdecken.

KITE: Wettkämpfe sind für Dich immer noch reizvoll?

KEVIN: Absolut. Der King of the Air ist für mich das beste Event des ganzen Jahres. Die Worldtour hat leider eine Menge Probleme, daher konzentriere ich mich auch auf andere Sachen. Zum Beispiel auf Video-Projekte – ich hab gerade an einer privaten TV-Show gearbeitet, das bringt auch eine Menge Spaß. Nach dieser Freestyle-Fixierung in der Szene habe ich meine Augen ein bisschen aufgemacht und gemerkt, dass es so unendlich viele andere spannende Sachen gibt – zum Beispiel Stand-up-Paddeln in der Welle. Das ist eine absolute Bereicherung, weil du auch windlose Tage nutzen kannst. SUP-Waveriding ist etwas ganz anderes als Waveriding mit dem Directional und trotzdem irgendwie auch wieder ähnlich. Ich liebe es einfach.

KITE: Man sieht Dich oft zusammen mit Deiner Familie. Auch hier in Kapstadt seid Ihr alle zusammen. Ist die Familie so wichtig für Dich?

KEVIN: Du kämpfst zusammen mit der Familie, und der Zusammenhalt wird dadurch immer enger. Ohne die Unterstützung, den Glauben an uns und die Hilfe von unseren Eltern wären Jalou (Schwester und Worldcup-Profi; Red.) und ich niemals so weit gekommen. Die Freunde wechseln schon mal, aber die Familie bleibt.

KITE: Haben Dich Deine Eltern zum Wassersport gebracht?

KEVIN: Mein Vater hasst Wasser. Das Kiten kam aus mir selber. Schließlich leben wir in Norwijk  dicht am Wasser. Ich hab dort immer die Surfer gesehen, und die Magazine haben mir dann tierisch Lust gemacht, das Ganze selber zu probieren.

KITE: Wann hast Du beschlossen, Profikiter zu werden?

KEVIN: Das war 2001 beim Kite-Worldcup in Scheveningen. Ein Jahr vorher hatte ich mit dem Kiten angefangen. Und sofort hatte es mich mit Haut und Haar gepackt. In Scheveningen hatte ich Robby Naish, Flash Austin, Max Bo und andere Heroes getroffen. Spätestens dort hab ich gewusst, dass es das ist, was ich machen will: nach Hawaii fahren, Wettkämpfe bestreiten. Dieses Ziel hatte mich nicht mehr losgelassen.

KITE: Hast Du jetzt – 15 Jahre später – mal ans Aufhören gedacht?

KEVIN: Nein, niemals, mein Fokus war auch nach Verletzungen ganz darauf ausgerichtet, noch stärker zurückzukommen. Das war meine größte Motivation. Ich war niemals richtig frustriert. Ich hab nach meiner Verletzung 2010 ­gewusst, dass das ein langer Weg zurück wird. Aber immer wieder habe ich mir ein­getrichtert: 

Du schaffst es, wenn du positiv bleibst. Durch die Wettkämpfe bist du es gewohnt, mit Höhen und Tiefen umzugehen, und diese Erfahrung hat mir definitiv geholfen. Das Ganze ist eine körperliche und mentale Achterbahn, aber wenn du das ein paar Mal hinter dich gebracht hast, dann kannst du dein ganzes Leben lang von diesen Erfahrungen profitieren.

KITE: Hat es lange gedauert, bis Du die Blockade nach der Verletzung aus dem Kopf bekommen hast?

KEVIN: Ja, leider. Das Knie wird nach starken Belastungen immer noch dick und so wird man automatisch auch immer wieder dran erinnert.

KITE: Gibt es noch eine andere Seite an Kevin Langeree? Etwas, was den Leser jetzt überraschen würde, und was nichts mit Wassersport zu tun hat?

KEVIN: (Denkt nach) Alles dreht sich bei mir ums Wasser. Ich habe auch keine anderen Hobbys. Klingt jetzt vielleicht blöd, aber die ganz simplen Dinge machen mich am glücklichsten. Perfekte Bedingungen auf dem Wasser ­zusammen mit Freunden, was will man mehr? Auch ein stürmischer Tag bei Sauwetter zu Hause in Norwijk  kann super schön für mich sein. Das hätte ich früher nicht gedacht, dass solche Dinge ei­ne Bedeutung für mich bekommen, aber wenn du 290 Ta­ge im Jahr unterwegs bist, dann verändern sich viele Wertvorstellungen. Einfach nur zu Hause auf dem Sofa sitzen und einen Film auf Holländisch zu schauen kann genial sein. Ganz simple Dinge eben.  Andere Sachen interessieren mich einfach nicht. Geduld ist auch nicht gerade meine Stärke, und ich bin kein guter Handwerker. Ich muss immer etwas machen, bei dem ich einen Adrenalinkick  bekomme, immer in Bewegung sein, das ist wichtig für mich. Sich immer außerhalb der Komfortzone zu bewegen und das mit Freunden oder interessanten Leuten zusammen, das ist das, was mir Spaß bringt.

KITE: Hast Du Dir schon mal überlegt, wie Dein Leben in zehn Jahren aussehen wird?

KEVIN: Ich muss nicht die fette Kohle verdienen, um glücklich zu sein. Wichtig ist, so viel Zeit auf dem Wasser zu verbringen wie möglich, sich nicht zu verzetteln und Dinge einfach zu halten – so funktioniert mein Leben. 

KITE: Bist Du bei Deinem Sponsor Naish auch in die Entwicklung der Kites eingebunden?

KEVIN: Ja, klar. Das ist cool, wenn die eigenen Ideen und Erfahrungen mit in die Produkte einfließen und man sich beim Testen mit einbringen kann.

KITE: Wie findest Du eigentlich Deine geheimen Wavespots?

KEVIN: Geheimnis (lacht) – nein, zum einen liegen die hier rund um Kapstadt, da kenne ich jeden Stein. Aber auch auf Mauritius, in Indonesien oder zu Hause an der Nordsee gibt es sehr viel zu entdecken. 

KITE: Gibt es noch irgendwelche Sachen, die Du noch unbedingt machen möchtest?

KEVIN: Monsterwellen reiten, vielleicht Nazaré (Portugal) oder Jaws (Maui, Hawaii) oder auch verrückte stürmische Bedingungen, wo jeder andere sagen würde, es sei unmöglich, da zu kiten. Das will ich unbedingt machen. Ich möchte auch einen Kite entwickeln, mit dem man drei- bis viermal so hoch fliegen kann wie ­bisher. Das darf aber kein Kite sein, mit dem das nur bei 35 bis 40 Knoten möglich ist, nein, das muss auch mit 15 Knoten beziehungsweise vier Windstärken möglich sein.

KITE: Du glaubst also, dass in der Kite-Entwicklung noch einiges möglich ist?

KEVIN: Absolut – mit dem Wissen, den Computern und der Materialentwicklung ist noch so viel möglich. Es gibt vieles, was noch nicht ausprobiert oder getestet wurde. Das reizt mich total, an solchen Sachen mit rumzutüfteln. Klar geht die Entwicklung inzwischen langsamer, aber da ist noch vieles möglich. Schau dir die Jungs mit den Foilboards an – unglaublich, was die bei vier bis fünf Knoten (zwei Windstärken) machen. Das hätte sich vor ein paar Jahren niemand vorstellen können.

KITE: Und – hast Du es schon probiert?

KEVIN: Klar – es bringt schon unglaublich viel Spaß, bei so wenig Wind übers Wasser zu schweben und eine neue Dimension zu erleben.

KITE: Einige unserer jungen Leser möchten später mal Profi werden.  Was kannst Du ihnen auf den Weg geben?

KEVIN: Mach immer einfach weiter mit dem, was dir Spaß bringt. Hört sich simpel an. Als ich 12 war, hat Robby Naish genau das zu mir gesagt, und ich hab gedacht, Mensch, gib mir eine vernünftige Antwort. Aber wenn ich jetzt zurückschaue, dann war das die beste Antwort.

KITE: Wie stehst Du zu Deinen Kumpels aus Holland?

KEVIN: Die holländischen Pros sind richtig gute Freunde. Es ist einzigartig, dass ein so kleines Land wie Holland so viele große Kiter produziert. Außerdem ist es immer wieder ein Genuss, auf der anderen Seite der Welt Menschen zu treffen, mit denen du in der Landessprache quatschen kannst.“