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Brasilien: Uruau

Sambazamba 

Brasiliens Uruau hat Konjunktur 
Die Schönen, Reichen und Mächtigen  verschlägt es nicht nach Uruau.  Ein paar Kite-Profis sind die enzigen Prominenten an der Lagune. Wenn es Abend wird am Kite-Tümpel, dann versammeln sich die Brasilianer zum letzten Caipi am Strand. Aus Autoboxen dröhnt der Samba, und in die Füße kommt rhythmische Bewegung. Brasilianisches Lebensgefühl und Wassersport gehen hier Hand in Hand.

Die Kleiderordnung in Brasilien überfordert keinen: Achter oder Zehner, dazu die grüne oder rote Boardshorts? Vielleicht drängt sich vor dem Frühstück noch die Frage auf: Aspirin, oder geht’s heute ohne?

Der Caipi ist Grundnahrungsmittel, die strahlende Sonne so etwas wie ein Menschenrecht, und zwischen dir und den Verrückten vom IS liegt der atlantische Ozean. Wir sind im Paradies, oder sagen wir mal: in einer irdischen Ausgabe.

Doch nicht? Zu Hause schlägt die Schwiegermutter die Zeitung auf und setzt sofort eine Nachricht ab: Achtung Zicka. Die werdende Mutter sitzt in Uruau völlig entspannt neben mir und winkt ab: „mediale Hysterie.“ In einem Land mit 204 Millionen Menschen sind 7000 Zicka-Fälle 

bekannt. Das Kind besagter Mutter ist inzwischen geboren und erfreut die Eltern mit bester Gesundheit und hellwachen Reaktionen. Dumm, dreist oder beides sind offensichtlich nur ein paar Profi-Golfer, die ihre olympische Teilnahme aus Angst vor Zicka abgesagt haben. (Es sind wahrscheinlich mehr Menschen an Golfbällen gestorben als an Zicka).

Beim Frühstück blicken wir auf die Lagune von Uruau. Déjà vu, den Tümpel kennen wir doch aus Action-Schnipseln von Alberto Rondina oder von Youri und Kollegen aus dem You-tube-Kanal. Eigentlich ist die Lagune nicht mehr als ein Schwimmteich, farblich dem Sprungbecken in Rio ähnlich. 

Aber sie atmet wie eine Lunge  und dehnt sich je nach Grundwasserspiegel bis zur dreifachen Größe aus. Wenn es im Winter wenig geregnet hat,  passen gerade mal fünf Kiter in die Pfütze, wenn die Regenzeit ergiebig war, bietet der Sportplatz bis zu fünfzehn Kitern Platz. Das fühlt sich dann aber schon so an, als würde eine Familie im Wohnzimmer Fahrrad fahren. 

Aufrechte Kiter, die nicht auf einer Pfütze herumrutschen wollen, gehen ins 50 Meter entfernte Meer. Bei schräg auflandigem Wind stellen sich kleine Wasserhügel auf, die an die Nordsee erinnern. Während die deutsche Chaos-Brandung aber in den dicken Neo sickert, klatscht sie in Uruau gegen die Boardshorts – das Wasser ist über 25 Grad warm. Der Spot vor dem Ort kann tausend Kiter aufnehmen, mehr als fünf Schirme aber sieht man selten. Ein Mann gehört aufs Meer, hieß es früher, heute glaubt der Kiter: seicht ist leicht. 

Kiten auf dem Meer erfordert freilich mehr Mut, mehr Kraft und eine ausbalancierte Fahrtechnik. Im morgendlichen Wind schräg auflandig schluckt man die weißen Hügel beim Höheprügeln leicht und freut sich über kleine Kickerwellen. Wenn der Wind nachmittags auf Onshore wechselt, wird das Höhelaufen mitunter anstrengend, weil die Wellen die gewonnenen Luvmeter wieder weglutschen. 

Der Wind in Uruau passt zum tiefenentspannten Ort: Er randaliert hier nicht mit 30 Knoten durch die Palmen, sondern bewegt sich gerne im Fünf-Beaufort-Bereich. Wir haben im November aber auch Tage erlebt, da wäre man mit einem Vierzehner nicht überpowert gewesen. Gesicherte Erkenntnis: Uruau ist ein Lernrevier ohne Killerwind. Wer nur mit Sechs plus anreist, wird viel Zeit zum Relaxen haben – ins Uruau-Bag gehören Zehner und Zwölfer-Kite, genau die Größen, die jeder Kiter im Archiv hat. 

Kiter, die ein bisschen Humboldt im Blut haben, hängen aber keine 14 Tage in Uruau ab, sondern leisten sich einen Ausflug nach Fortim. Das Nobelstädchen liegt 134 Kilometer südlich von Fortaleza  und 42 Kilometer südlich von Uruau am Rio Jaguaribe. Wir kommen mit unserem Pickup an die Fähre, die uns ans südliche Ufer bringen soll. Als Pier verwenden die Fährschiffer eine leicht erhöhte Uferböschung, der Pickup balanciert über zwei schmale Bretter auf das Schiffchen. Die Passage ist für den Abenteuer-Gehalt preiswert – irgendwas um die drei Euro verlangt der capitão und bietet dazu noch frischen Hummer zum Kauf an. Auf uns warten aber andere Delikatessen. Wir tasten uns wieder mit dem Pickup über die Bretter und stehen am Ufer der Flussmündung. Das Auge schweift über  die unfassbar weite Wasserlandschaft des Rio Jaguaribe. Im Mündungsgebiet ist der Fluss 940 Meter breit und so glatt, als wäre jemand mit dem Schleifpapier darüber gegangen. Weit draußen, mit bloßem Auge kaum zusehen, liegen Sandbänke, die das Meer abschirmen. Der Spot für tausend Schirme wird von ein paar Fischerbooten gepflügt. Von erhabener Größe ist dieser Rio Jaguaribe, bevor er sich im Atlantik auflöst. Ein unbeschreibliches Gefühl der Freiheit nimmt von uns Besitz. So muss sich ein Amerikaner fühlen, der auf einer deutschen Autobahn das erste Mal den Boden unter seinem Gaspedal  spürt. Warum können wir hier nicht ein paar Fische über dem offenen Feuer grillen und uns abends vom sanften Rauschen des nahen Windrades einlullen lassen? Mehr Freiheit als hier haben wir noch nirgends gespürt.

Wir haben weder Fisch noch Feuer, packen unser Kitematerial auf den Geländewagen und schaukeln zwölf Kilometer weit über eine Strand-Sandpiste nach Canoa Quebrada – dem Ballermann des Bundesstaates Ceara. Niemand weiß genau, warum hier Tausende von Touristen einfallen – wahrscheinlich weil Tausende von Touristen einfallen. 

Schnell raus und heim in die Idylle von Uruau. Sand und Dünen gibt’s auch hier – gleich hinter der grünen Lagune am Ortsrand. Der Pickup wühlt sich über Hochhaus-hohe Sanddünen, und als Fata Morgana liegt mitten in der Märklin-Sahara ein kleiner See. 

Die Schattenseite dieser bizarren Kontraste hört man in den brasilianischen Ferien: Hunderte von Pickups arbeiten sich an den Dünen ab. Die Motoren heulen unter der Last der unfassbar dicken Touristen. Abends sind die stinkenden Karawanen verschwunden, und der Ort gehört sich wieder selbst. 

Im Westen rutscht die Sonne ins Meer, und über den Dünen kreisen wieder die Geier. 

GUT ZU WISSEN 

Flug aus Deutschland: Mit Condor ab Frankfurt nach Fortaleza. Die aktuellen Sportgepäck-Konditionen: 69,99 Euro zum Frühbucherpreis pro Strecke. Das Boardbag darf nur 30 Kilo schwer und maximal 3 Meter lang sein. Tipp: Kitetaschen zu Hause lassen und die Kites aufeinandergelegt einrollen. Das könnte auch beim Zoll hilfreich sein. 

Flugpreise im November: Von 560 bis 700 €. 
Flugalternative:

Mit TAP täglich von München, Frankfurt, Hamburg, Düsseldorf oder Zürich über Lissabon nach Fortaleza. Die Flugpreise sind ähnlich. Vorteil: Man hat mehr Terminauswahl. 

Sportgepäckregelung bei der TAP: 200 € hin und zurück  (32 kg). Achtung: Bei knappen Anschlüssen in Lissabon kann es sein, dass das Sportgepäck nicht verladen wird. Außerdem ist das Essen bei der TAP meist mittelmäßig bis schlecht. Tipp: Nur mit TAP-

Anschlüssen nach Lissabon fliegen, weil sich die Lufthansa das Sportgepäck separat bezahlen lässt. 

Wohnen in Uruau:

Viele Pousadas bieten alle Komfort-Standards an. Wohnen in der ersten Reihe: Zebra Beach. Das Hotel direkt an der Lagune gehört dem italienischen Unternehmer Kicco Risi. Kicco ist begeisterter Kiter und betreibt eine kleine Kitestation für seine Gäste (Buchung auf Anfrage). 

Kitecenter

Pro Kite Brasil direkt neben Zebra Beach Hotel. 

Highlite sind Downwinder-Touren an vier Spots. Die Kite-College-Gäste wohnen im Hotel Zebra Beach direkt an der Lagune. Eine Woche Kite College kostet ab 1699 € (Event, Flug, Unterkunft und Material). Anfragen: info@kite-college.com, Tel. +49 (0) 4931 975 58 33.

Essen:

Der Ort bietet einige Lokale, darunter ein sehr gut geführtes italienisches Restaurant mit gehobenen Ansprüchen. Preisniveau wie in Deutschland. 

Transfer

Ein Mietwagen in Uruau bedeutet Freiheit und Unabhängigkeit. Ein Allrad-Auto erweitert den Horizont noch einmal um 100 Prozent, weil viele Straßen zu den Spots nur Sand- und Strandpisten sind. Ein Wagen kostet etwa 600 Euro pro Woche. 

Sicherheit

Uruau ist etwa 100 Kilometer von Fortaleza entfernt. Unter Brasilienkennern gilt: Jeder Kilometer Entfernung von der Provinzhauptstadt ist ein Gewinn an Sicherheit. Von Überfällen und Diebstählen haben wir in Uruau nichts vernommen.