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Fahrtechnik: Standpunkt

STANDPUNKT

Der Fehler Nummer eins auf dem Kiteboard ist die falsche Belastung. Viele Kiter stehen auf der Bremse, als würde sich Nessie vor ihnen aufbauen: Zwei Drittel des Körpergewichts drücken aufs Heck. Dabei brauchen viele Boards richtig was auf die Nase. VDWS-Lehrteamer Michael Vogel zeigt auf dem Bild rechts, wieviel Belastung eine Boardnase verträgt. Nur mit einer Balance Fifty Fifty kommen viele Bretter schnell in Fahrt.

Dass viele Kiter auf der Bremse stehen und das Heck viel zu stark belasten, hat nach Meinung von VDWS-Lehrteamer Michael Vogel mehrere Gründe.

1. Kiter haben ihr „Handwerk“ in Starkwindrevieren wie Tarifa oder Brasilien gelernt. Wenn sich ein Fahrer im roten Bereich wähnt, also überpowert zu sein scheint, dann belastet er das Heck. Das ist meist kein aerodynamisches Kalkül, sondern einfach eine Affekthandlung. Tatsächlich hilft diese Bremse, den Schirm nach vorne an den Windfensterrand zu prügeln. Dort zieht er weniger als im tieferen Windfenster.

2. Viele Aufsteiger stehen aber auch bei schwachen und mittleren Winden auf dem Heck. Das ist die pure Angst vor höherer Geschwindigkeit.

3. In vielen Schulen wird Kiten erst ab vier Beaufort – etwa zwölf Knoten – geschult. Bei höheren Windstärken ist der Tritt aufs Heck – wie erwähnt – eine ganz natürliche Haltung. Würden die Schüler aber schon bei drei Windstärken aufs Brett steigen, wäre die Angsthasen-Haltung gar nicht notwendig. Der Aufsteiger würde schnell merken, dass eine Gewichtsverteilung fifty fifty beim An- und Durchgleiten hilft. Wer Radfahren nur auf Bergab-Strecken lernt, der wird immer auf die Bremse treten. Diese Schulung bei Leichtwind ist bei vielen Kiteschulen aber gar nicht möglich, weil sie keine großen Schirme haben – Leichtwindkites kosten mehr Geld, das viele Schulen nicht haben.

Bild: Falsch! Viele Kiter glauben, das sei die perfekte Profi-Haltung. Falsch: Das ist die Angsthasen-Attitüde. Die Belastung des Hecks ist viel zu groß.

 

Manche Kitelehrer sind mitunter auch überfordert, Kitesurfen bei Federballwind zu ermitteln – es fehlt ihnen schlicht das fahrtechnische Wissen.

Dabei ist Leichtwindschulung nicht nur pädagogisch sinnvoll, sondern auch kommerziell erfolgreich. Mit Kursen bei Winden zwischen 6 und 12 Knoten erhöht die Schule ihren Umsatz um 30 Prozent. Schließlich wurde das Kitesurfen mit der Erkenntnis groß, dass man mit dem Drachen am Himmel weniger Wind braucht als mit einem Windsurfsegel.

Wenn man die Profis auf dem Board beobachtet, verabschiedet man sich schnell von der Zwei-Drittel-ein-Drittel-Gewichts-Formel. Wakestyle-Boards mögen die Heckbremse nämlich nicht, weil sie ohnehin mit ihrer mächtigen Heckaufbiegung im Leichtwindbereich zu kämpfen haben. Die Profis stehen in der Regel mit dem Körperschwerpunkt über der Handle (haben sie meist nicht; also: über dem Boardmittelpunkt) und drehen auch die hintere Hüfte in Fahrtrichtung vor.

Mit dieser Gewichtsverteilung bringt man auch eine sogenannte Banane mit einer extremen Bodenkurve ins Rutschen. Dabei gehen Profis locker in die Knie, um Kabbelwellen abzufedern oder durchzudrücken. Etwas anders sieht es bei manchen Freerideboards aus. Flyboards aus dem Hause Flysurfer wollen zum Beispiel gerne etwas mehr Gewicht auf dem Heck. Aber auch hier entscheidet die sorgfältige Dosierung über Speed oder Slow Motion.

 

Bild: Richtig! Bremse lösen.

Bild: Falsch! Wenn man die Heckbelastung ins Absurde steigert, gibt’s eine Vollbremsung. Das gestreckte Vorderbein will der Kitelehrer eigentlich nur beim Anfahren nach dem Wasserstart sehen.